Lieder ohne Leiden

Christiane Rösinger  

HAU1 Stresemannstraße 29 10963 Berlin

Tickets ab 11,00 € Ermäßigung verfügbar

Veranstalter: Hebbel am Ufer, Stresemannstraße 29, 10963 Berlin, Deutschland

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Veranstaltungsinfos

Ja, fast hat man das Gefühl eines Comebacks: Christiane Rösinger ist zurück! Dabei liegt ihr Debütsoloalbum “Songs Of L. And Hate“ gerade mal sechs Jahre zurück. Und es ist ja nicht so, als sei die Musikerin und Autorin in der Zwischenzeit komplett von der Bildfläche verschwunden. Zwei Bücher sind in der Zwischenzeit erschienen (“Liebe wird oft überbewertet“, und “Berlin-Baku“), Hörbücher wurden aufgenommen, es wurde ausgiebig getourt, die monatliche Flittchenbar kuratiert, durch den Kiez flaniert und der eigene Garten bestellt.

Nun also endlich das zweite Solo-Album mit neuen Liedern aus der Feder von Christiane Rösinger, instrumentiert, aufgenommen und produziert von Andreas Spechtl. Ging es auf dem Vorgänger-Album und seinem Titel mit dem Buchstaben “L“ vor allem um die Liebe, dreht sich nun alles um das Leiden. Wobei Liebe und Leid ja oft genug eng beieinander im Bett der Pärchenlüge liegen.

Aber Moment mal: “Lieder ohne Leiden“? Christiane Rösinger und Lieder ohne Leiden?! Wie soll das nur gehen?! Wer den Titelsong hört wird schnell feststellen: Gar nicht.
Es bleibt ein Wunsch. Der Wunsch einer sensiblen Künstlerin, eben nicht schon wieder leiden zu müssen, um daraus ein wundenleckendes Lied zu machen. Aber schon gleich im Album-Opener “Kleines Lied zum Anfang“ verrät uns Frau Rösinger ihr bewehrtes Erfolgsrezept: Sie ist nun mal ein melancholischer und musikalischer Charakter. Und zwangsläufig entstehen so neue Lieder. Der Sound des Albums ist dabei aber opulenter und farbenfroher geraten, als die zum Teil noch bedrückendere Film Noir-Stimmung auf “Songs Of L. And Hate“. Die Musik von 60ies Girl-Groups à la Shangri-Las, aber auch die Musik der Beach Boys und Burt Bacharach galten Andreas Spechtl als Vorbild für den Klangteppich auf “Lieder ohne Leiden“.

Im Gentrifizierungs-Stampfer “Eigentumswohnung“ hat man fast das Gefühl, die alten Lassie Singers wieder zu hören, die ja auch immer viel 60ies-Bubblegum in ihre Musik zu injizieren wussten. Inhaltlich ist “Lieder Ohne Leiden“ bei aller für Christiane Rösinger typischer Lakonie eine messerscharfe Gegenwartsanalyse zwischen dem Leben im Prekariat und der Rendite der Generation Erben. Und dem gedanklichen Raum dazwischen, in dem auch schon mal der “stumpfen Arbeit“ ein Lob ausgesprochen wird, um sich vom narzisstisch-gestörten Kreativzwang unserer Zeit zu befreien.
Am Ende aber halten alle Lieder – wie schon in Heinrich von Kleists Reflexion über die Steine im Rundbogen – fest zusammen. Das Gebäude steht, weil alle Steine gleichzeitig einstürzen wollen. Bei Kleist Grund für eine epistemologische Beunruhigung.
Bei Rösinger werden wunderschöne Lieder draus. Und es bleibt ein tröstlicher Gedanke: Wenn alles niederzustürzen droht, stürzt womöglich nichts darnieder: “Dass auch ich mich halten würde, wenn alles mich sinken lässt“, singt sie im Abschlussstück “Das gewölbte Tor“. Leiden dürfen wir trotzdem.
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Yes, it almost feels like a comeback: Christiane Rösinger is back! And yet, her debut solo album “Songs of L. and Hate” was exactly six years ago. And it’s not like the musician and writer had completely vanished from the scene in the meantime. Two books have appeared in the meantime (“Liebe wird oft überbewertet”, and “Berlin-Baku”), audio books have been recorded, there has been ample touring, the monthly Flittchenbar has been curated, the neighbourhood has been prowled, and the garden has been cultivated.

Now finally comes the second solo album, with new songs penned by Christiane Rösinger, arranged, recorded and produced by Andreas Spechtl. If the previous album and its title with the letter “L” was mostly about love, now everything’s about suffering. But after all, love and suffering often lie close enough together in the bed of couple’s lies.

But wait just a minute: “Songs without suffering?” Christiane Rösinger and songs without suffering?! How’s that supposed to work?! Anyone who’s heard the title of the song will get it right away: Not at all.

What remains is a wish. The wish of a sensitive artist not to have to suffer all over again just to make another song about licking your wounds. But right away in the album opener “Kleines Lied zum Anfang” Frau Rösinger gives away her embattled success recipe: And now it has a melancholy and musical character. And inevitably this leads to new songs. But the album’s sound has ended up being more opulent and colourful than the somewhat more sombre film-noir mood on “Songs Of L. And Hate”. The music of ‘60s girl groups à la Shangri-Las, but also the music of the Beach Boys and Burt Bacharach served as the model for the soundscape on “Lieder ohne Leiden”.

In the gentrification masher “Eigentumswohnung” we get the feeling we’re hearing the old Lassie Singers again, who also always knew how to inject a lot of ‘60s bubble gum into their music. In terms of contents, “Lieder Ohne Leiden”, for all Christiane Rösinger’s typical laconicism, is a razor-sharp analysis of the present day, between life in the precariat and the annual yields of the inheritor generation. And the mental space between, in which there’s also a good word for “mundane work” to liberate us from the narcissistic-disturbed creative compulsion of our times.

In the end, however, all the songs – just like in Heinrich von Kleist’s reflection on the stones in a round arch – hold together. The building stands because all the stones want to collapse all at once. With Kleist this is cause for epistemological anxiety.

With Rösinger this makes for gorgeous songs. And one comforting thought remains: If everything is threatening to come crashing down, maybe nothing will get laid low. “That even I would hold myself up if everything let me fall”, she sings in the final piece, “Das gewölbte Tor”. So we get to suffer anyway.

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